Risikoindikatoren für vorausschauende Entscheidungen nutzen

ERM
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13. Dezember 2018
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Gerhard Grebe, Andreas Bruckner, Marc Möllers

Risikoindikatoren sind wichtige Steuerungsgrößen für Banken. Sie zeigen nicht nur potenzielle Gefahren und Grenzen auf. Technisch klug eingebunden, geben sie auch wertvolle Impulse zur Geschäftssteuerung. So können sie zum Beispiel deutlich machen, welche Vorhaben besonders wertschöpfend sind oder welche ein unverhältnismäßig hohes Risiko beinhalten – seien es neue Produkte oder Geschäftsfelder.

Risiken, Risikobereitschaft und -tragfähigkeit spielen in verschiedensten Bereichen des Bankgeschäfts eine Rolle – in den offenkundigen Feldern Kapitalrisiken (ICAAP) sowie Liquiditäts- und Funding-Risiken (ILAAP) ebenso wie beim Geschäftsmodell und der internen Governance. Diese vier Bereiche prüfen und bewerten die europäischen Bankenaufseher seit 2016 regelmäßig im Rahmen des Supervisory Review and Evaluation Process (SREP). Schneiden Kreditinstitute dabei schlecht ab, müssen sie mehr Kapital vorhalten. (► siehe Grafik Nr. 1) 

Die vier SREP-Prüfungsfelder stehen in einem engen Verhältnis zum Risk Appetite Statement (RAS). Dieses Herzstück der Risikobewertung muss jedes europäische Kreditinstitut nach den Vorgaben der Behörden festlegen. Es führt die spezifischen Risiken für das Geschäftsmodell und die jeweilige Risikobereitschaft der Bank auf. Bei der Formulierung können sich Kreditinstitute auf die Risikoindikatoren (Key Risk Indikatoren, KRI) stützen, die die Europäische Bankenaufsicht (EBA) herausgegeben hat. Der Katalog wurde im Juni 2018 aktualisiert und umfasst insgesamt 359 KRI aus zehn verschiedenen Bereichen.

Diese Kennzahlen geben Anhaltspunkte für einzelne Geschäftsentscheidungen – und auch für die Gesamtstrategie der Bank. Um die Risikosituation des Instituts insgesamt im Blick zu behalten, ist es daher sinnvoll, die KRI mit anderen relevanten Informationen zu verknüpfen und übersichtlich zu präsentieren. Denn mit einer entsprechend aufbereiteten Übersicht erhält das Management eine gute Grundlage, um vorausschauende Entscheidungen für die Zukunft des Kreditinstituts zu treffen.

In einem aktuellen Whitpaper [1] wird modellhaft aufgezeigt, wie Banken hier Transparenz herstellen können. So empfiehlt sich beispielsweise ein „Risikocockpit“, das alle wichtigen Daten zusammenführt. Dieses Tool lässt sich in vier Schritten realisieren.

Schritt 1: Geschäftsmodellanalyse

Am Anfang steht die qualitative und quantitative Analyse des Geschäftsmodells, mit den zentralen Fragen: „Was sind wesentliche Erfolgsfaktoren? Welche internen und externen Abhängigkeiten gibt es? Wie steht es um Tragfähigkeit und Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells? In die Analyse geht auch der Risikoappetit mit ein. Für diesen ersten Schritt hat sich eine Voranalyse bewährt. Dabei definieren die Verantwortlichen die einzelnen Themenfelder auf Gesamtbank- oder Geschäftsfeldebene. Dann sammeln sie die Informationen beziehungsweise benennen die Informationsquellen, um sie anschließend zu bewerten. Der Vorteil: Das Institut erhält einen guten Überblick darüber, welche Daten es bereits gibt und ob sie sich zur Analyse eignen. 

Schritt 2: Risikoinventur

Im zweiten Schritt identifiziert die Bank auf Basis der Geschäftsmodellanalyse alle wesentlichen Risiken. Dazu zählen Kredit-, Markt-, Liquiditäts- und andere operationale Gefährdungen nach MaRisk ebenso wie Cyber- oder Funding-Risiken. Für jeden Bereich legt das Management die Risikokapazität als maximale Obergrenze fest – abgestimmt auf die Geschäftsstrategie sowie auf die Kapital-, Liquiditäts- und Sanierungsplanung. Die Verantwortlichen für die Risikosteuerung sorgen dafür, dass die Obergrenzen nicht überschritten werden. Die beschriebene Inventur steht mindestens einmal im Jahr an. Falls sich das Risikoprofil des Kreditinstituts ändert, zum Beispiel durch neue Geschäftsfelder oder Produkte, muss sie aktualisiert werden.

Schritt 3: Auswahl der Key Risk Indikatoren

Anhand der Geschäftsmodellanalyse und des Risk Appetite Statements wählt die Bank die KRI aus, die sich am besten für die Steuerung ihrer individuellen Risiken eignen. Es empfiehlt sich, hier auch die Meldewesendaten zu integrieren. Die notwendige Datenbasis zur Kalkulation der Risikoindikatoren liegt zum großen Teil bereits für die aufsichtsrechtlichen Meldungen CoRep und FinRep vor. Zudem ermöglicht die Berücksichtigung von Risiko- und Finanzdaten einen ganzheitlichen Überblick hinsichtlich der Entwicklung der Bank. Außerdem legt das Kreditinstitut in diesem Schritt Early Warning Indicators (EWI) fest. Sie signalisieren, wann sich ein Indikator dem Risikolimit nähert. So kann das Management frühzeitig erkennen, ab welchem Verhältnis von notleidenden Krediten zum Gesamtkreditbestand die Geschäftsziele in Gefahr geraten. 

Schritt 4: Risikocockpit – Überblick und Entscheidungsgrundlage

Sind alle beschriebenen Schritte realisiert, ist ein Risikocockpit entstanden, das alle wesentlichen Risiken darstellt. Durch eine Drilldown-Funktion kann die Bank die Datenherkunft von einzelnen Einflussfaktoren bis hin zum Gesamtrisiko nachverfolgen. (► siehe Grafik Nr. 2)  Individuelle Risikotreiber lassen sich isoliert betrachten. Auf dieser Basis vermag das Management zum Beispiel Schwächen in Prozessen oder im Produktangebot schnell zu erkennen – und frühzeitig entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Insgesamt bietet das Cockpit den Entscheidern von Banken damit nicht nur einen raschen Überblick über die Risikosituation des Kreditinstituts. Mithilfe der Key Risk Indikatoren kann das Management auch den Erfolg neuer Produkte bewerten. Ein Beispiel: Eine Bank legt einen Green Bond auf. Durch das Cockpit können die Entscheider nun auf der Ebene der einzelnen KRI überwachen, welches zusätzliche Funding-Risiko durch die Emission entstanden ist und welchen zusätzlichen Beitrag das Papier gebracht hat. Auf dieser Basis ist leicht zu erkennen, ob sich der Bond lohnt oder nicht.

Geschäfts- und Risikokennzahlen integriert steuern

Verbinden Banken das KRI-Tool mit ihrem System zur Gesamtbanksteuerung, können sie die Daten noch umfassender für die Steuerung des Kreditinstituts nutzen: Dann lassen sich Geschäfts- und Risikokennzahlen einschließlich der offiziellen Meldewesendaten nämlich integriert managen und neue Funktionen werden möglich, etwa Simulationsrechnungen. So kann das Management beispielsweise vorab prüfen, wie sich externe Faktoren auf Profitabilitätskennzahlen und Risikoindikatoren auswirken, zum Beispiel neue Marktentwicklungen oder regulatorische Vorgaben. Außerdem lässt sich evaluieren, welche Konsequenzen eine Änderung der Geschäftsstrategie hat. Auf dieser Grundlage können die Entscheider die Handlungsoptionen herausfiltern, mit denen die Bank ihre Ziele innerhalb des selbst gewählten Risikorahmens am besten erreicht.

Ein wichtiger Aspekt für den Wirkungsgrad des Risikocockpits ist die Qualität der verwendeten Daten: Als Basis für aussagekräftige Ergebnisse benötigt das Tool valide Informationen. Insofern kann der Einsatz des Cockpits als starke Triebfeder wirken, um die Datenqualität zu verbessern. Dieses Vorgehen hilft auch, die Erfordernisse aus BCBS 239 („Grundsätze für die effektive Aggregation von Risikodaten und die Risikoberichterstattung“) zu erfüllen.

Mehr Informationen durch Künstliche Intelligenz (KI)

Um die Daten für das Risikocockpit effizient zu sammeln und aufzubereiten, kann sich Einsatz von KI lohnen. Dadurch lassen sich interne Informationen, zum Beispiel aus den Kernbanken- oder Customer-Relationship-Management-Systemen, mit externen Datenquellen verknüpfen. Das macht die Prozesse nicht nur einfacher, sondern auch sehr viel schneller, gezielter und letztlich kostengünstiger. 

Darüber hinaus sind intelligente Algorithmen in der Lage, das Management bei der Auswahl geeigneter KRI zu unterstützen. Entsprechende Tools zeigen marktweite Risikotrends ebenso wie Zusammenhänge von Risiken und Geschäftsstrategien frühzeitig auf. Relevante Entwicklungen finden somit schnell Eingang in die Key Risk Indicators – und damit in die Steuerung der Bank. 

Autoren:
Dr. Gerhard Grebe (banXconsult GmbH), Andreas Bruckner und Marc Möllers (beide PPI AG). 

[1] „SREP Geschäftsmodellanalyse – Welchen Mehrwert bieten die EBA Key Risk Indikatoren?“, Download unter : www.ppi.de/wp-srep

Bildquelle: ©Andy Cossins | istockphoto.com